Das Anliegen

(Im Bürogebäude. Sachbearbeiterin - S, Besucher - B)

S: (winkt) Hierher, bitte treten sie heran.
B: (Tritt an den Schreibtisch)
S: Herr... Wie kann ich Ihnen helfen?
B: (holt USB-Stick hervor) Ich habe ein wichtiges und dringendes Anliegen. Es ist schon digitalisiert.
S: Mmh. Darf ich bitte sehen. Nein, den Ausweis brauche ich nicht, ich habe alle Daten.
B: (überreicht USB-Stick)
(gibt etwas ein, öffnet Datei) Aha ... (überfliegt) verstehe ... (scrollt weiter) ach so ... nun ja ... tss...
(macht Datenbankabfrage) einen Moment bitte (schaut auf das Ergebnis). Ja, da haben wir es, wie
ich gedacht habe. Ich stelle fest, Sie haben das ganz falsch verstanden. Meinen Daten zufolge haben
Sie nur wenig zu befürchten. Hier steht, es gibt nur eine ganz geringe Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen
dabei etwas passiert. Dazu müssten Sie erst an die Reihe kommen ... doch Sie stehen weit unten in
der Liste und es ist sogar möglich, den Platz noch zu ändern. Wenn Sie mich fragen, wird man Sie
letztendlich sowieso nicht zwingen können oder wollen. Selbst wenn das nicht zutrifft und solche
Absichten gegeben wären, könnte die Sache trotzdem komplett versanden. Seien Sie ganz beruhigt.
Das hier (zeigt auf Bildschirm) wird absolut nicht nötig sein.
B: Ach so? Können Sie denn eines Ihrer Versprechen garantieren? Oder mit Gewissheit sagen, dass die
Tiefe des "Sandes" ausreicht?
S: Nein, das kann derzeit niemand...
B: Außerdem scheinen Sie das Anliegen noch nicht ganz erfasst zu haben. Bitte lesen Sie weiter.
S: (überrascht) Ich sehe hier noch: betrifft - ihr Name - eine Liste der Familienmitglieder, schon klar, das
habe ich gesehen. (scrollt) entschuldigen Sie, hier ist noch ein weiterer Name, ein weiblicher. Auch
Ihre Familie?
B: (blickt nach unten) Nein.
S: Es geht sogar noch weiter. (scrollt) Das ist eine ganze Liste, wie es scheint nimmt sie gar kein Ende. 
Das ändert natürlich alles. Sie sind also so etwas wie ein Vertreter. Ein Anwalt vielleicht?
B: Nein, weder noch.
S: (ungeduldig) Aber Sie haben doch sicher eine Art Vollmacht oder Willenserklärung all dieser Menschen, 
deren Namen hier aufgeführt sind?
B: Ich habe nichts dergleichen. Einige dieser Menschen habe ich gefragt. Sie wollten mir keine geben, 
da sie Angst hatten oder meinten, es besser zu wissen. Andere habe ich gar nicht erst darauf
angesprochen, weil ich in ihren Augen keine Glaubwürdigkeit besitze - es wäre vollkommen aussichtslos
gewesen. Den großen Rest hätte ich nicht fragen können, selbst wenn ich gewollt hätte, weil es
physikalisch unmöglich ist.
S: (verdutzt) Aber was ... wieso tun sie das dann? Und wer soll das bearbeiten? Warum beschränken Sie
sich nicht auf sich selbst, das hätte doch weit bessere Aussichten. Und wie gesagt, vielleicht ließe sich
sogar ganz darauf verzichten, wenn sie nur geduldig genug sind.
B: (faltet die Hände vor dem Gesicht zusammen) Das ist nicht so leicht zu erklären ... es ist eigentlich eher
schmerzhaft.
S: Sie sehen doch, hier ist nichts los. Ich habe Zeit ... (blickt auf den Monitor)
B: Es ist ... so ein Gefühl. Ein Gefühl der Schuldigkeit den anderen gegnüber. Ich hätte zu vielen Zeitpunkten
bessere Entscheidungen treffen können.
S: Das hört sich so an, als hätten Sie was angestellt. (schaut auf die Daten) Nein, die Kriminalakte ist leer.
Oder hatten Sie nur das Glück nie erwischt worden zu sein?
B: Nein, nichts in diese Richtung. Es ist mehr die Tatsache, wie viel ich aus anderen ziehe und wie wenig
ich zurückgeben kann. Wieviel Toleranz und guten Willen ich in meiner Umgebung brauche um zu
funktionieren, aber nicht erwidern kann. Oder wie ich anderen gegenüber immer sehr verschlossen bin, so
als wäre ich ein Panzerschrank, dessen Code längst in Vergessenheit geraten wäre, und meine Zeit Geld,
mit dem ich geizen müsste. Auch wenn mir mein Verstand sagt: da ist nichts, man kann nichts falsch
machen, wenn man so wenig Macht hat, man kann sich nicht verschulden durch Nichtstun, Nicht-Interaktion,
so fühlt es sich trotzdem oft nicht richtig an. Das Schlimmste ist, ich scheine keinen Fortschritt zu machen.
Es gibt Dämonen, gegen die ich immer noch zu kämpfen habe. Wie tief wäre das Loch, in das ich fiele,
wenn die anderen mich ließen? Ich weiß nicht, ob ich die Rechnung am Ende des Tages bezahlen kann.
S: Ich blicke da immer noch nicht ganz durch. Was hat dies mit jenem zu tun?
B: Alles, verstehen Sie? Es gibt so wenig, was ich für die anderen tun kann und vieles das ich sollte, aber
dennoch nicht tue. Doch es gibt eine konkrete Sache, auf die das nicht zutrifft. Die sie weder selbst täten,
noch zu schätzen wüssten, weil sie es als nicht wirkungsvoll erachten. Aber ich tue es trotzdem, denn wie
selten habe ich selbst etwas gewürdigt, was für mich getan wurde. (zeigt mit der Hand auf den Monitor)
Das ist mein Anliegen und es schließt alle mit ein. Da steht es geschrieben, schwarz auf weiß, und es soll
nicht mehr gelöscht werden.
S: Aber .... (wird unterbrochen)
B: Erzählen Sie mir nicht, dass keiner da sei, der es zur Kenntnis nehmen wollte! Oder dass demjenigen die
Hände gebunden wären. Oder dass es bereits zu spät sei und ich den Moment verpasst hätte. Dass es
überhaupt keinen Unterschied macht. Oder dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, und ich das
hinnehmen müsste - ich tauge absolut nichts in dieser Hinsicht! Meine Entscheidung ist, solchen Lügen
keinen Glauben mehr zu schenken. Deshalb richte ich mein Anliegen an Ganz Oben, wo es bearbeitet
werden möge. Die Angstflöten und Käfige der Laborrattenfänger sollen zerbrochen und nicht wieder
repariert werden! Eine schützende Hand möge über alle kommen und ihnen das Mittel wegnehmen, sich
selbst zu schaden. Sei der Schaden groß oder unbedeutend, dauerhaft oder vergänglich, ich kann es nicht
einschätzen und nicht akzeptieren. Weil mich noch keiner hat sehenden Auges abstürzen lassen.
S: Ich ... leite es weiter (drückt auf Absenden).